• Gerhard Preschitz

Neuroplastizität

Weit mehr als nur Lernfähigkeit


Neuroplastizität wird häufig als Synonym für die Lernfähigkeit unseres Gehirns verwendet, ihre wahre Bedeutung geht jedoch weit darüber hinaus. Sie bildet die Grundlage für vielfältigste Veränderungen und Behandlungen.

Denn neuronale Bahnen in unserem Gehirn verändern sich infolge unserer persönlichen Erfahrungen – und auf völlig unterschiedliche Weise, unser ganzes Leben hindurch.



Was ist nun Neuroplastizität genau?


Neuroplastizität umfasst eine Reihe physischer Veränderungen, die im Gehirn auftreten:

Neurogenese: die Bildung neuer Nervenzellen. Aus der Tierforschung wissen wir, dass mehrere eigenständige Regionen im Gehirn fortlaufend Neurone generieren und neu geborene Neurone einen wichtigen Beitrag zur Informationsverarbeitung liefern.

Synaptische Plastizität: die Stärkung oder Schwächung bestehender synaptischer Verbindungen zwischen Neuronen. Synaptische Plastizität ist die bekannteste, am intensivsten untersuchte und am besten verstandene Form der Neuroplastizität.


Synaptogenese: die Bildung neuer Kontakte zwischen Neuronen. Neurone können neue dendritische Dornen entwickeln – winzige, fingerartige Projektionen, an denen die synaptische Übertragung stattfindet.



Beispiel Gehirntraining


Eines der besten Beispiele liefert eine Studie mit Londoner Taxifahrern, die bis zu vier Jahre damit verbringen, den Straßenplan der Stadt auswendig zu lernen. Wie sich herausstellte, führt der Erwerb dieser als „The Knowledge“ bezeichneten Kenntnisse zu einer Zunahme im Volumen des Hippocampus, der für die Speicherung von Erinnerungen im Zusammenhang mit Navigation zuständig ist. Die graue Substanz im Hippocampus wurde umso dichter, je erfahrener ein Taxifahrer war. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist die Bildung neuer Synapsen.



Schattenseiten der Neuroplastizität


Allerdings macht die Veränderbarkeit unser Gehirn nicht nur flexibler, sondern auch verwundbarer gegenüber äußeren Einflüssen. Die Neuroplastizität kann sowohl flexible als auch starre Verhaltensweisen hervorbringen - so sind einige unserer hartnäckigsten Angewohnheiten und Störungen Resultate genau dieser Plastizität.


Auf diese Art kann es zur Entstehung von Angst- und Zwangssymptomen oder von verschiedenen Symptomen einer Depression kommen. Ebenso stellen traumatisierende Erlebnisse nicht nur massive Einschnitte in unser Leben dar, sondern es kommt dadurch auch zu Veränderungen innerhalb der neuronalen Verbindungen im Gehirn.


Wenn eine bestimmte neuroplastische Modifikation im Gehirn erst einmal stattgefunden hat, dann kann dies andere – günstige - Veränderungen blockieren.


Schlussfolgerung: Fast alle psychischen und psychosomatischen Symptome lassen sich daher als ganz normale logische Reaktion auf außergewöhnliche Situationen oder Belastungen verstehen.


Chancen


Wo ich selbst immer wieder erleben darf, wie hilfreich diese Veränderbarkeit unseres Gehirnes sein kann, ist in der Psychotherapie. Speziell Verhaltenstherapie und Traumatherapie nutzen die Neuroplastizität in beeindruckender Weise, um die oben beschriebenen Schattenseiten wieder auszugleichen.


Eric Kandel, österreichisch-US amerikanischer Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger, schrieb dazu bereits im Jahr 2005: „Es besteht kein Zweifel mehr, dass Psychotherapie messbare Veränderungen im Gehirn bewirkt.“ Es handelt sich also um – im wahrsten Sinne des Wortes - sichtbare Ergebnisse.


Auch jüngere funktionale Magnetresonanztomografien (fMRT) vor und nach Psychotherapien zeigen, dass sich das Gehirn in der Behandlung plastisch verändert und dass diese Veränderungen umso größer sind, je erfolgreicher die Behandlung verläuft. Ganz egal, um welche Symptome es sich handelt.


Das sind großartige Erkenntnisse, finde ich.


Anwendungen der Neuroplastizität


Die Anwendungen sind weitreichend, Psychotherapie ist ein Teil davon.


Die Behandlung von Schlaganfallpatienten, die Überwindung von Lernbehinderungen, spezielle Gehirn- und Gedächtnistrainings für Menschen jeden Alters – sie alle zeigen seit langem, dass unser Gehirn kein fest verdrahteter Schaltkreis, sondern ein hochgradig veränderbares Organ ist.


Weitere Anwendungen liegen in der Schmerztherapie (chronische Schmerzen sowie Phantomschmerzen), in der Behandlung von Gleichgewichtsstörungen, ja sogar für Menschen mit gravierenden Seh- und Hörstörungen sowie für Parkinson-PatientInnen sind durch spezielle Behandlungen auf Basis dieser Prinzipien sehr große Fortschritte möglich.


Forschungen laufen


Diese enorme Vielfältigkeit und der gewaltige Nutzen der Neuroplastizität in der Behandlung von Menschen mit all diesen unterschiedlichen Störungen geben Anlass zu weiteren Forschungsprojekten, diese laufen auf Hochtouren.

Wir können gespannt sein, welche weiteren Entwicklungen und Fortschritte wir hier noch erleben werden. Fortsetzung folgt...





Literatur:


Norman Doigde: „Neustart im Kopf“ (2014), „Wie das Gehirn heilt“ (2015)


Moheb Costandi: „50 Schlüsselideen Hirnforschung“ (2015)


Eric Kandel u.a.: „Toward a neurobiology of psychotherapy: Basic science and clinical applications” Journal of neuropsychiatry and clinical Neurociences 17 (2005)

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